DOREEN UHLIG + JANET GRAU


DAS KLEID DER NACHBARIN

Susanne Greinke, 2001 über DEVOTION


Die Kargheit der Szenerie erinnert an eine brechtsche Bühne, doch der Dialog ist gestickt. Zwei benachbarte gleiche Räume, darin zwei Frauen, zwei Tische, zwei Stühle, zwei Betten und drei graue Kleider, zwischen ihnen ein weißer Vorhang und eine Schnur zum Transport des Gesagten. Das Gesagte wird fast geräuschlos mit Nadel und Faden auf jeweils eines der drei Kleider gebracht. Der Rhythmus, bestimmt vom Stechen der Nadel in den Stoff, vom Durchziehen des Fadens und vom Weg des bestickten Wort-Kleides zur Nachbarin, wird bei dieser Performance zum Lebensrhythmus. Der Rest ist Schweigen und Warten. 100 Stunden lang. Das Zeitgefühl scheint verschoben. In diesem Zeitgerinnungsprozess haben auch Kleinigkeiten die Chance groß zu werden, wie die Buchstaben in der Wellpappe die als zusätzliche Raumbegrenzung dient. Die Langsamkeit paart sich mit einer fast peinlichen Ordnung. Das betrifft die wenigen Gegenstände in den beiden Räumen, aber auch die Stickereien.

Geräusche zerschneiden die Stille und Konzentration. Das Hüsteln eines Besuchers, ein Scharren mit den Füßen, vielleicht noch ein unbeabsichtigt gesprochenes Wort im Schlaf. Wohl selten wirkt eine Performance derart privat. Die Besucher fühlen sich als Eindringlinge. Wären es nicht Worte, sondern Blümchen, die mit Nadel und Faden entstünden, würde diese Privatheit, gepaart mit der wohl klischeebeladensten aller Handarbeiten, die Künstlerinnen Janet Grau und Doreen Uhlig gefährlich nah in die Sphären weiblicher Alltagsverschönerungskreativität führen. Statt Wort-Kleider, Blümchenkleider! Der öffentliche Blick in die Stickstube und die Wahl des Dialogs als Stickmotiv führt haarscharf am Klischee vorbei und entlarvt die Assoziationen als Zuschreibungsmuster weiblichen Tuns..

"Devotion" der Titel der Performance, wie das Schweigen, spielen mit dem Bild klösterlicher Zurückgezogenheit. Es geht um Verzicht, um Beschränkung zugunsten einer heute immer seltener werdenden Konzentration auf einen Dialog, nicht hastig nebenbei gesagt, sondern ausschließlich und mühsam auf ein Kleid gestickt.

Damit unterscheiden sich die Wort-Kleider der Performerinnen vom vertrauten Umgang mit den inflationären Kleider-Worten als Subtexte auf T-Shirts oder Pullovern, die lediglich beliebige Botschaften in die Menge streuen ohne je eine Antwort zu erwarten. Zicke, Esprit, No Future,... na und?!

Es gibt jedoch eine Tradition des Kleider-Dialogs, zwar als Subtext angelegt, aber von ähnlicher Tiefe wie die Performance und ebenfalls am Körper der "Sprechenden" veröffentlicht.

Dafür müssen wir uns gedanklich vom herbstlichen Dresdener Hinterhof nach Sansibar begeben. Frauen bekleidet mit bunt bedruckten Tüchern, zwischen den ornamentalen oder floralen Mustern finden sich Botschaften, allgemeine Weisheiten, die Stimmung und Gedanken der Trägerin veröffentlichen. Gibt es Streit mit der Nachbarin oder ist der Mann fremd gegangen, für jede Situation existieren die entsprechenden Tücher.

Möglichst viele dieser "Kangas" brauchen die Frauen um sich den Familien und besonders den Nachbarinnen täglich mitzuteilen ohne sich zu wiederholen. Diese Art des Gesprächs hat nichts mühsames und dennoch gibt es auch hier das gespannte Warten auf das Kleid der Nachbarin.



weitere Texte zur Arbeit

[DIARY EXCERPTS] Laura Park, 2001
SCHNECKENPOST Jutta Liesen, 2001