DOREEN UHLIG + JANET GRAU


SCHNECKENPOST

Jutta Liesen, 2001 about DEVOTION


(Text will be translated soon.)

"Mehr Geschwindigkeit heißt weniger Freiheit."
Paul Virilio, Ästhetik des Verschwindens.

Unter meiner Garderobe, im Schutz der herabhängenden Schals und Jacken, hängt ein kleiner Stickrahmen. In seiner Mitte kauert, schüchtern in sich verkrümmt und kaum wahrnehmbar, eine winzige Nacktschnecke aus hellbraunem Stickgarn. Eine zarte, ebenfalls gestickte Schleimspur, in verschiedenen Blautönen spiralförmig zu Worten geformt, zieht sich um das unscheinbare Tier. Es sind skurrile, fast beliebig wirkende Worte, die in dieses mäandernde Gedicht gestopft wurden, in dem davon die Rede ist, daß sich eine Nacktschnecke überraschenderweise ein Schneckenhaus baut. Diese buchstäbliche Mutation ist in den gestickten Wortschleifen um das Weichtier herum unmittelbar anschaulich: tastend und in quälender Langsamkeit bastelt die Nacktschnecke an einem Sprachgehäuse, mit dem sie die weite, weiße Fläche um sich herum abzudichten sucht. Es sind Wörter, die die Nacktschnecke kleiden, ihr Mut machen und ihrer Schutzlosigkeit Ausdruck verleihen sollen. Und es sind kostbare Wörter. Die kleine, spielerische Handarbeit von Janet Grau aus dem Jahr 1997 ist das poetische Kondensat aus den wenigen deutschen Vokabeln, die sie damals kannte, zum Zeitpunkt ihres ersten Aufenthalts in Deutschland. Der selbstgebaute Panzer der Schnecke ist denkbar fragil — ausgerechnet die fremde Sprache soll als Refugium vor der Erfahrung der Fremdheit dienen?

Seitdem sind 4 Jahre vergangen und Janet wohnt mittlerweile in Dresden. Im September diesen Jahres wurde erneut gestickt, und ich fuhr mit dem Zug in die sächsische Hauptstadt, um dabei zu sein. 100 Stunden hindurch arbeiteten Janet Grau und die Künstlerin Doreen Uhlig (Gera/Wien) an einem gestickten Zwiegespräch auf drei Kleidern; jede Künstlerin benutzte dazu ihre Muttersprache. Während der gesamten Zeit sprachen sie nicht, schrieben sie nicht, lasen sie nicht. "Devotion". War das noch die Handschrift der Schnecke, die mir vertraut war? Ja, und auch wieder nicht.

Die Nacktschnecke hatte noch in ihrem abgezirkelten Stickrahmen um Worte gerungen. Nun war an die Stelle des in sich kreisenden Selbstgesprächs ein dynamischer, faszinierend verschränkter Briefwechsel getreten; das Tagebuch der Schnecke hatte sich dem Dialog geöffnet, war zur Schneckenpost geworden.

Was in diesem Dresdener Hinterhof vor sich ging, nahm mich gleich gefangen. Mein erster Impuls, ich gestehe es ungern, war Neid. Gewiss nicht auf die konkrete Situation, der die beiden Künstlerinnen sich ausgesetzt hatten. Nein, mich bestach das unerhört Luxuriöse ihrer Idee, das unter dem Deckmantel der Askese daherkam. Noch betäubt von sterilen Klingeltönen und sinnleeren, sich überlagernden Handy-Gesprächs-Fragmenten im überfüllten Intercity-Abteil, kam ich an diesen konspirativen Ort, an dem zwei kostbare Ressourcen in verschwenderischer Fülle zur Verfügung zu stehen schienen: Schweigen und Zeit. Mehr noch, hier war Zeit zu Stoff geworden. Geronnene Zeit zum Anfassen, rhythmisiert durch das Hin und Her der Kleider, greifbar in ihrer quälendsten, sinnlichsten Erscheinungsform, der Langeweile.

Nichts wurde in dieser Zeitlupen-Performance bloß behauptet; vielmehr konnte man die Gattungsregeln und auch die Tücken der neuen literarischen Kleinform "Schneckenbrief" überdeutlich miterleben: Vielleicht ist der Inhalt einer Mitteilung ja schon obsolet, wenn er die Adressatin endlich erreicht? Ein kleines Missverständnis wird zum Desaster, dauert es doch Stunden, um es wieder aufzuklären — kostbare Zeit, in der man schon Neues hätte berichten können. Die übermittelten Nachrichten selbst erhalten ein Schwergewicht, das in keiner Relation zu ihrer Alltäglichkeit steht, allein durch ihre mühselige Verfertigung und das lange Warten auf Antwort.

Assoziationen drängten sich mir auf, natürlich. Der Frauenalltag früherer Jahrhunderte, gleichförmig und ereignisarm, das Briefeschreiben als Möglichkeit der Teilnahme am öffentlichen Leben, das Genrebild Frau im Fensterrahmen, mit Katze im Hintergrund.

Doch die allzu bescheiden wirkende Biedermeier-Fassade weckte bald mein Misstrauen. Tatsächlich gab sie den Blick frei auf ein dahinter liegendes Szenario der Verweigerung.

In diesem Hinterhof nahm man sich rücksichtslos Zeit — 100 Stunden für eine Form der Korrespondenz, die in einer Welt der Beschleunigung und elektronischen Zusammenschaltung nur als Provokation verstanden werden konnte. Bedeutete nicht jedes Innehalten schon Widerstand? Hier fand ganz offensichtlich keine Unterwerfung unter das Diktat der Geschwindigkeit statt — war der Titel "Devotion" aufmüpfige Ironie?

Die Performance stand, so schien mir, auf raffinierte Weise in der Tradition des Nacktschneckengedichts und war doch viel mehr. Was für die Schnecke noch peinigende Erfahrung war, war hier selbstauferlegte Beschränkung mit einer anarchistischen Botschaft.

Post, vormodern: Träge, aber resistent gegen Auflösung. Selbst die im Briefverkehr gegebene Trennung der Nachricht vom Körper des Absenders drehten die Künstlerinnen frech zurück, trugen sie ihre Briefe doch sogar am eigenen Leib!

Gestärkt durch die subversive Kraft des Schneckentempos stürzte ich mich wieder ins Getümmel der ewigen Transiteisenden und fuhr zurück nach Berlin. Das behäbige, gestickte Weichtier an meiner Garderobe betrachte ich seitdem mit neuer Wertschätzung.




weitere Texte zur Arbeit
DAS KLEID DER NACHBARIN Susanne Greinke, 2001
[DIARY EXCERPTS] Laura Park, 2001