DOREEN UHLIG


D/KONSTRUKTIV

Performance / Toninstallation


In der Herforder Bevölkerung gab es große Widerstände gegen den Neubau des Museums für zeitge-
nössische Kunst und Design MARTa Herford. Die Debatte wurde in den lokalen Printmedien vor allem
im Rahmen zahlreicher Leserbriefe geführt. Argumentiert wurde von Seiten der Baugegner oft mit
fehlenden staatlichen Mitteln für Bildung, Gesundheits- und Sozialsystem. MARTa Herford wurde zum
meistdiskutierten Bau der Region. Natürlich zog die erste Ausstellung in MATRa Herford, bei der diese
Arbeit gezeigt wurde, Freunde wie auch Gegner des Baus an.

Während der Ausstellung waren in einem von der Öffentlichkeit abgeschlossenen Teil des Geländes
noch immer Bauarbeiten in Gang. Ich nutze diesen Bauraum. Ich positionierte mich in der Nähe der
Arbeiter. In Bezug auf die Baugeräusche las ich dort mit Hilfe eines Walkie-Talkies Auszüge aus den
gesammelten Protestbriefen. Ich wählte einzelne Sätze, die zwar Schlagworte präsentierten, denen man
aber nur schwer entgegnen oder gar antworten konnte:

“Man braucht mehr Geld für das Gesundheitssystem.”
“Die Herforder Einwohner sollten die Möglichkeit haben, ihre Meinung deutlich zum Ausdruck zu bringen.”
“Es ist besser eine einfache, formschöne Uhr zu kaufen, statt einer teueren Kunstuhr.”
“Was ist wieder los mit MARTa?”
“Für den Neubau von MARTa hat man Geld genommen, das nun für die nötigen Renovierungen unserer
Schulen fehlt.”


Die verlesenen Auszüge aus den Protestbriefen mischten sich unter das Stimmgewirr der Ausstellungsbe-
sucher. Die Sätze konnten an sieben Orten im Außen- und Innenbereich des Museums gehört werden, an
denen ich jeweils ein Walkie-Talkie, einen roten Stuhl und eine Instruktion für das Publikum installiert hatte:
1. Nehmen Sie eine bequeme Position ein.
2. Hören Sie.
3. Sprechen Sie
.

Das Publikum war also scheinbar eingeladen zu sprechen, zu diskutieren – aber die Sätze, die ich verlas,
waren nicht offen für eine weiterführende Auseinandersetzung. Was hätte man auch sagen können? Wie
konnte man reagieren? Es gab offensichtlich ein Angebot zum Dialog – dennoch wurde vor allem Sprach-
losigkeit hörbar.

Nur wenige ZuschauerInnen nutzten das Walkie-Talkie, um mit mir oder, via der verteilten Walkie-Talkies,
mit den anderen Anwesenden in Kontakt zu treten. Wenn es jedoch eine Antwort aus dem Publikum gab,
war diese von meinen Zitaten kaum zu unterscheiden. Ich selbst entgegnete wiederum auch nur mit einem
weiteren Zitat. Die Konversationen liefen zwangsläufig leer. In diese artikulierte Sprachlosigkeit mischte
sich der Lärm der fortschreitenden Bauarbeiten.



RaumKonzepte,
kuratiert von Marina Abramovic

MARTa Herford
11/2004